Berichte

"Glücksmusik"
Artikel in der Süddeutschen Zeitung
/März 2013

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Ein Konzert in Buenos Aires mit dem Orchester der
"Niños en Armonía-Creciendo en Armonía".


Ein Reisebericht von Julia Kalmund:

Buenos Aires, 8. November 2013

Ungefähr 16 Stunden in der Luft und dann plötzlich Buenos Aires im Frühsommer. Unser Hotel in einem Stadtteil, der gut und gerne  die Hafencity in Hamburg hätte sein können. Wo waren wir eigentlich? Kaum zu glauben, dass wir in Südamerika waren.
Abends hatten wir eine ganz besondere Verabredung. In einer Kirche. Mit mindestens 50 Kindern; ‚unsere‘ Kinder aus der Nähe von Mar del Plata. 400 beschwerliche Kilometer südlich von Buenos Aires; eine siebenstündige Busfahrt.
Sie sind in die Hauptstadt gekommen, um für uns in der Kirche  ‚Las Esclavas‘  ein Konzert zu geben. Ich glaube die Spannung und die Neugier war auf beiden Seiten groß. Ulrike Flemming war schon länger dort, hatte alles ‚orchestriert‘.
Eine wunderschöne Kirche in einem sehr schönen, europäisch anmutenden Viertel. Schon an der Pforte wurden wir mit südländischer Freundlichkeit begrüßt und weitergereicht. Es wurde noch geprobt, und plötzlich kam eine strahlende Ulrike uns entgegen. Von dem Moment an bis viele, viele Stunden später wurden wir geküsst und gedrückt und mit Danksagungen überhäuft. Offene, lächelnde Gesichter, viel Spanisch – ein Crashcourse in  der Sprache aber auch in der Liebe dieser Menschenkinder, die es nicht immer gut haben. Erhebend und beschämend gleichzeitig. Haben wir das wirklich verdient? Den Verdienst haben Ulrike, die Servidoras und die Lehrer, und die sehr engagierten deutschen Praktikanten. Wir leisten nur einen geringen Beitrag, den Beitrag, der am Einfachsten zu leisten ist.
Die Kinder beeindrucken sehr. Sie bemühen sich ernsthaft, sich noch auf die Proben zu konzentrieren. Zuweilen ein liebenswürdiger Hühnerhaufen. Sie strahlen, manche etwas schüchtern, aber alle mit offenen Gesichtern. Alle wollen Hände schütteln, einen Kuss geben, Gracias sagen. Wir sind überwältigt und beide kämpfen wir mit den Tränen.
Bald fängt das Konzert an; die Kirche ist überfüllt. Wir sitzen neben der ‚Alt-Oberin‘ des Ordens, eine sehr feine ‚grande dame‘, die perfekt italienisch und französisch spricht. Meine Rettung…
Das Fernsehen ist da und viele Menschen, die dem Projekt nahe stehen; eine engagierte Anwältin und einige Gäste, die unterstützen und begleiten – in einem Land, wo nichts einfach ist, wo die Inflation galoppiert, wo jeder sich auch wegdrehen könnte, um sich nur um sich selber und seinen Nächsten zu kümmern. Die deutschen Expats glänzen durch Abwesenheit.
Die Kinder absolvieren ein sehr anspruchsvolles Programm – zwei Stunden lang. Das ist nicht ein bisschen musizieren, das ist von allerhöchstem Niveau. Ulrike holt das Beste aus ihnen heraus und sie sind stolz und offensichtlich glücklich über den Applaus und Hurra-Rufen nach jedem Stück. Sie sind zwischen 5 und 19, spielen Geige, Cello, Querflöte und Blockflöte. Wer ein wenig über die Verhältnisse dieser Kinder und Jugendlichen bei sich zuhause weiß, dem kann es nur wie ein Wunder vorkommen.
Nach dem Konzert fahren wir in eine Schule, die die Servidoras betreiben – für höhere Töchter. Sie stehen alle für die Ninos Spalier und applaudieren aus vollem Herzen. Es gibt ein wunderbares Mahl; wir reden alle durcheinander, alle Sprachen, alle Themen, alles Glück; Ulrike, die Servidoras, die Lehrer, Ulrikes Bruder, der Fotograf ist, und wunderbare Aufnahmen gemacht hat, und sogar einige Eltern, die mitgefahren sind. Die Kinder spielen Fußball und Hüpfen und toben einfach in der Turnhalle. Es ist vollbracht. Alle sind entspannt und genießen diese Begegnung von zwei Welten, die ein Projekt ins Leben gerufen haben, um ein paar Kindern ein menschenwürdiges, erfülltes Leben zu ermöglichen, weil sie durch ihre Musik Wertschätzung und Selbstvertrauen erfahren. Weil sie jede Woche ein paar Stunden lang in der Estancia der Servidoras Geborgenheit finden.
Ein kleines Mädchen hat  gesagt: Meine Geige ist mir das Wichtigste auf der Welt!
Wir bedanken uns, als Familie, für Euer Wohlwollen und Eure Unterstützung über viele Jahre hinweg und wünschen Euch vom Herzen ein gesegnetes Fest,  gesunde, glückliche Tage und einen guten Rutsch ins Neue Jahr.

Eure Kalmunds