Praktikumsberichte
 
 
 
 
 
 
 
Praktikumsberichte

Monika Birner:

Wenn man nach einer Fahrt auf achsenfeindlichen, schlaglochreichen Feldwegen die oftmals mehr als einfachen Behausungen vieler Kinder sieht, wundert man sich, wie diese so kindlich und unbeschwert sein können, wie sie sich manchmal im Projekt zeigen und wie sie gleichzeitig das Durchhaltevermögen besitzen, das nötig ist um ein Instrument zu lernen. Hier wird ihnen jedoch nicht nur beigebracht ein Musikinstrument zu spielen, sondern auch sich in Disziplin zu üben, Einsatz zu zeigen und musikalisch wie sozial miteinander zusammenzuspielen. Das fällt vielen bei dem rauen Ambiente und der Grenzenlosigkeit des Umfeldes aus dem sie stammen schwer. Umso wichtiger ist deshalb auch die Erziehung neben der Musik. Die beginnt schon bei der Ankunft in der zu Unterrichtsräumen umgebauten 'Cochera' (Garage): nach der Schule wird der Tisch gedeckt, es wird gewartet bis alle Essen auf dem Teller haben und ein Tischgebet wird gesprochen. Für viele Kinder ist es der erste geregelte Mittagstisch.
Der Unterricht findet in der ehemaligen Estancia" Santa Maria de la Armonia " und in den Schulen der näheren Umgebung statt. Die Kinder erhalten von Musikern aus der nahen Küstenstadt Mar del Plata und -trotz mehrstündiger Anreise- aus Buenos Aires Einzel- und Gruppenunterricht . Sie bekommen soweit möglich eigene Instrumente, die sie mit nach Hause nehmen dürfen, um dort üben zu können. Unglaublich aber wahr: sie tun dies sogar!
Samstags kommen sie schon morgens mit ihren Cello-, Bratschen- und Geigenkästen in die 'Cochera' und es wird im 'Conjunto' (in diesem Fall: kleines Streichorchester) geprobt. Nachmittags kommen die Jugendlichen (bis 18 Jahre), die zum Großteil schon lange Jahre dabei sind. Auch sie spielen nach dem Einzelunterricht im 'Conjunto'. Besonders gut gefällt ihnen das 'Allegro' aus der Wassermusik von Georg Friedrich Händel. Kontrastreich die klassische Musik im Verhältnis zu Reggaeton und Cumbia, die Musikrichtungen, welche sie in ihrer Freizeit hören. Deshalb aber nicht weniger reizvoll, wie ihre Begeisterung beweist.

Ich arbeite mittlerweile seit drei Monaten in diesem Projekt mit und kann so die Erfolge, welche die Kinder verzeichnen, als auch die Schwierigkeiten, mit denen sie sowohl in musikalischer Hinsicht, als auch in ihrem Alltag zu kämpfen haben, hautnah miterleben. Schon oft boten sich mir Situationen, die gleichzeitig glücklich machen und zu Tränen rühren. Wenn zum Beispiel ein Junge, der in einem Haus wohnt, dessen "Mauern" aus alten verrosteten Wellblechteilen bestehen, hochmotiviert und konzentriert hinter seinem Cello sitzt, stolz wie Oskar, weil er schon bei den 'Großen' im 'Conjunto' mitspielen darf und dann auch noch allen zeigt, dass er es kann. Momentan bereiten wir uns auf ein Konzert in Buenos Aires am 4. November vor. Die Veranstaltung findet in der Universität von Belgrano statt und wird für die Kinder eine gänzlich neue und aufregende Erfahrung sein, die ihnen einmal mehr zeigen wird wozu sie fähig sind und dass harte Arbeit und Engagement letztendlich mit Erfolg belohnt werden.